Freitag, 27. Dezember 2013

Zuviel Sonne ist auch nicht gesund

von Dr. Eran Yardeni

Shlomo Ben Zvi ist der neue Verleger und auch der neue Chefredakteur der zweitgrößten israelischen Tageszeitung Maariv. Neben seinen vielen Hobbys scheint er auch die Lösung für den Konflikt um die iranische Atomfrage gefunden zu haben. Sein Szenario nennt er das „Ebenbild Gottes“.

Aus der israelischen Perspektive, meint Ben-Zvi, ist die heutige Situation hoffnungslos. Der diplomatische Kampf gegen die nuklearen Pläne Teherans ist so gut wie gescheitert. Die Amerikaner machen nicht mit, die Europäer machen zwar mit, aber leider auf der Seite der Iraner.

Militärisch kann Israel das Problem nicht mehr allein lösen, ohne dafür einen enormen politischen und wirtschaftlichen Preis zu bezahlen, den das Land sich nicht leisten kann. 

Nach Ben-Zvi ist ein präventiver militärischer Schlag für die Zukunft Israels genau so gefährlich wie die Alternative, d.h. gar nichts zu machen. Vor diesem Hintergrund muss die israelische Regierung, geführt von Benjamin Netanjahu, einen neuen Weg gehen - und zwar den goldenen Weg zwischen diesen beiden Optionen.

Die ethische Basis seiner Überlegungen stammt aus dem Alten Testament und beruft sich auf die Schöpfungsgeschichte des Menschen als Ebenbild Gottes. Nach Ben-Zvi soll Israel alle Länder der Region, vor allem aber Iran, zu Direktgesprächen einladen. Das Ziel der Gespräche wäre dann die Abrüstung der Atomwaffen im Nahen Osten. Dass die Iraner sich weigern würden, dabei mitzumachen, ist natürlich nicht auszuschließen.

Diese Möglichkeit aber erwischt Ben-Zvi keineswegs unvorbereitet: Die israelische Einladung solle eine befristete Einladung sein. Iran stehen dann 30 Tage zur Verfügung. Läuft die Frist ab, ohne dass die Iraner sich bereiterklären am Verhandlungstisch Platz zu nehmen, wird Israel, dieses Mal nicht alleine, sondern mit den Völkern der Region die iranische Infrastruktur, vor allem die Öl-Infrastruktur, angreifen.

Ben-Zvi rechnete auch aus, dass nach einer Woche ca. die Hälfte der iranischen atomaren Produktionsfähigkeit vernichtet wäre. So sollte es weiter gehen, bis die iranische Führung aufgibt und sich dem Abrüstungsplan anschließt.

Aber bevor israelische Piloten, ägyptische Panzersoldaten, libanesische Infanterie (besteht höchstwahrscheinlich sowohl aus Christen als auch aus Hisbollah-Eliteeinheiten) und die saudische Marine in kosmischer Harmonie auf die Iraner losgehen, lässt sich der Visionär noch ein bisschen Zeit, um sein Szenario weiter zu entwickeln.

Welche Rolle z.B. sollen die Amerikaner spielen? Nach Ben-Zvi gar keine. Sie sollen nur die Stabilität der Ölpreise für ein Jahr garantieren. Und die Russen? Das ist ein anderes Thema, schreibt Ben-Zvi, ohne genauer zu erklären, was er damit meint.

Im Schatten bleiben auch die eventuellen Konsequenzen eines solchen koordinierten Angriffs für die israelische Wirtschaft und Zivilbevölkerung. Denn es ist eher unwahrscheinlich, dass die Iraner einfach ruhig bleiben, während ihre Ölpipelines zerstört werden. Und was macht Israel, wenn in den Nachbarländern nach ein paar Jahren schon wieder der Frühling ausbricht, bunt und prunkvoll, wie nur der arabische Frühling sein kann, so dass neue Despoten die Macht ergreifen und sich von den Vereinbarungen ihrer Vorgänger kategorisch abkehren?

Die Hamas in Gaza ist ein konkretes und aktuelles Beispiel für ein solches Szenario, die Revolution im Iran 1979 ein anderes. Bis 1979 haben Israel und Iran militärisch eng zusammengearbeitet. Gemeinsame Projekte zur Entwicklung von Mittelstreckenraketen fanden statt. Vor diesem Hintergrund musste der Instabilitätsfaktor der Region mit einkalkuliert werden. Das scheint aber Ben-Zvi, der mit einem atomaren Konflikt so umgeht wie Kinder mit einer Kissenschlacht, nicht zu irritieren.



Mittwoch, 25. Dezember 2013

Gott und die Bombe

von Dr. Eran Yardeni

Vorgestern berichtete ich an dieser Stelle über die neue Initiative von Shlomo Ben-Zvi, dem Verleger und Chefredakteur der zweitgrößten israelischen Tageszeitung Ma’ariv, den Nahen Osten zu einer atomwaffenfreien Zone zu machen. Es sieht aus, als stünde Ben Zvi mit dieser Aktion nicht mehr alleine da. In die gleiche Richtung marschiert auch der ehemalige Knesset-Abgeordnete Abraham Burg.

Ein in Maariv veröffentlichter Gedankenaustausch zwischen den beiden bezüglich der sogenannten „Ebenbild Gottes“ Doktrin ist an einigen Stellen mehr als erstaunlich, an anderen hingegen einfach lustig, im Grunde genommen aber eher tragisch.

Sowohl Burg als auch Ben-Zvi sind unverkennbar von religiösen Motiven getrieben. Burg behauptet, eine moralische Weltanschauung zu haben, in deren Rahmen Entscheidungen bezüglich Leben und Tod eine göttliche und keine menschliche Sache seien. So gesehen gefährdet die nukleare Waffe das Machtmonopol Gottes: „Die Atomwaffe beabsichtigt Gott zu werden, ohne die Fähigkeiten zu haben, die der Weltschöpfer besitzt“, meint er, ohne zu erklären, welche Fähigkeiten genau Gott besitzt und ohne darauf zu achten, dass es ironischerweise ausgerechnet Mahmud Ahmadinejad war, der im April 2013, während seines Besuchs in Benin (West Afrika) denselben Gott mit ins Boot holte, als er die nukleare Energie “ein göttliches Geschenk” nannte.

Auf welcher Seite Gott genau steht, auf der israelischen oder auf der iranischen, ist noch nicht geklärt. In Deutschland fand am Ende der 50er Jahre eine ähnliche Diskussion statt und zwar über die Frage, inwiefern, wenn überhaupt, billigt Gott Atombomben? (Der Spiegel; 14.5.1958).

Auch wenn diese Frage kaum zu beantworten ist, eins ist trotzdem ziemlich sicher: Das moralische Spielchen mit Gott als atomares Argument gegen den Besitz von Atomwaffen ist nicht nur amüsant, sondern kann auch rasch ad absurdum geführt werden, wenn man die nukleare Waffe als Gottes Wille, d.h. als eine neue Version der Sintflut betrachtet, die das Ziel hat, die Menschheit samt ihrer Steuerhinterzieher, Pornogucker und Abmahnanwälte zur Rechenschaft für ihre Missetaten zu ziehen.

Denkt man an das 20. Jahrhundert, dürfte dieses Szenario nicht ganz sinnlos erscheinen. Gegen die nukleare Waffe zu agieren, bedeutet dem göttlichen Willen die Stirn zu bieten. Gott im Dienst der Atomgegner ist wie die Knete in den Händen geschickter Kindergartenkinder – man kann daraus alles machen, was man will.

So weit sind wir, Gott sei dank, noch nicht. Denn Burg ist bescheidener: Er beklagt sich nur über das menschliche Einmischen in die göttliche Sphäre und zwar ohne auf das jüngste Gericht hinzuweisen.

Vor dem Hintergrund der biblischen Geschichte von Kain und Abel, musste aber sogar er wissen, dass zwei Hände völlig ausreichen, um zu töten und damit das göttliche Machtmonopol in Frage zu stellen. Solange man die Unterminierung der Autorität Gottes bezüglich der Fragen von Leben und Tod als Argument gegen den Besitz der Atomwaffe anführtt, muss man auch zugeben, dass es zwischen dem Messer von Jack The Ripper, dem Hund von Baskerville und der Atombombe keinen qualitativen Unterschied mehr gibt. Sie alle verfügen über Fähigkeit, sich in die göttliche Sphäre „einzumischen“.

Genauso unklar ist sein anderes Argument: Massenvernichtung sei unmoralisch. Denn schließlich meinen die Befürworter der Atomwaffe in Israel nichts anderes. Keiner in Israel behauptet, dass Massenvernichtung moralisch sei. Wenn es überhaupt einen guten Grund gibt, warum Israel eine atomare Waffe braucht, dann ist es der, Massenvernichtung von Juden zu verhindern.

Burg verwechselt hier, wie oft in solchen Diskussionen, zwei unterschiedliche Aspekte des Themas: Massenvernichtung auf der einen Seite und das Besitzen von Atomwaffen auf der anderen.

Der Besitz von Atomwaffen ist genau so unmoralisch wie der Besitz vom Pfefferspray. Die Frage von Ethik und Moral kann erst dann beantwortete werden, wenn mit der Atomwaffe bzw. mit dem Pfefferspray etwas unternommen wird. Immanuel Kant würde dann den Willen anhand des kategorischen Imperativs überprüfen; die Anhänger des Utilitarismus würden hingegen fragen, inwiefern der Einsatz von Atomwaffen das Allgemeinwohl der Bürger fördert.

Pfefferspray als Waffe zu benutzen, um eine alte Dame zu überfallen, ist unmoralisch, dasselbe Spray aber zu benutzen, um einen Vergewaltiger zu vertreiben, ist zutiefst moralisch. Der Besitz an sich sagt so gut wie gar nichts über die moralischen Aspekte künftiger Handlungen. Die Aussage „Massenvernichtung ist unmoralisch“ ist für die Diskussion über die Frage, ob Israel eine gegenseitige atomare Abrüstung initiieren soll oder nicht, völlig irrelevant.

Entweder alle oder gar keiner

Burg selbst scheint die Problematik seiner Argumente nicht ganz zu übersehen. Denn er gibt selbst zu, dass der Besitz von Atomwaffen Israel in der Vergangenheit geholfen hatte, seine Feinde abzuschrecken.

Heute aber, behauptet er, sei die Situation anders. Der Zusammenbruch der Sowjetunion beschleunige bestimmte wissenschaftliche Entwicklungen und mache das atomare Wissen zugänglicher als je zuvor. In dieser Konstellation soll sich nach Abraham Burg der Staat Israel damit abfinden, dass auch andere Länder, wie der Iran, früher oder später eine „atomare Fähigkeit“ entwickeln werden. Die israelische Regierung muss entscheiden, was unter diesen Umständen für die Zukunft Israels besser wäre: Dass keiner Atomwaffen besitzt oder dass alle Atomwaffen besitzen. Die dritte Alternative, dass nur Israel Atomwaffe besitzt, ist nach Burgs Meinung weg vom Tisch, weil eine Proliferation von Atomwaffen de facto nicht mehr zu verhindern sei.

Sowohl Burg als auch Ben-Zvi sind für die erstere Alternative, für eine atomwaffenfreie Zone. Die Frage ist nur, wie macht man das?

Nach Ben-Zvi muss Israel seine Zukunft und Sicherheit in fremde Hände geben. Ben-Zvi verknüpft die Zukunft des Judenstaats unter anderem mit der Kooperationsbereitschaft arabischer und islamischer Staaten, die Israel als Erzfeind, als „Krebsgeschwür“ bezeichnen. Burg hingegen vertraut Obama, Merkel und Hollande, notfalls die Kastanien aus dem Feuer zu holen, d.h. falls der Iran nicht kooperieren will.

In beiden Fällen geht es um einen Abschied von der eisernen Regel der israelischen Sicherheitspolitik: So unabhängig wie möglich zu sein.

Burg und Ben-Zvi wollen pokern, aber anstatt ihr eigenes Geld einzusetzen, pokern sie um die Zukunft Israels. Beide wissen, sollten sie sich irren, wäre niemand mehr da, um sie zur Verantwortung zu ziehen.